Über die Ruta 41 in die Wildnis

Nachdem wir uns in Los Antiguos mit Lebensmitteln eingedeckt haben, starten wir unsere Tour auf der Ruta Provincial 41 in Richtung Süden. Die Straße führt durch die Berge, vorbei an ausgewaschenen Flusstälern und Weiden, durch Geröllfelder und vorbei an unglaublichen Aussichtspunkten. Wir können gar nicht fassen in was für einem Tempo die Landschaften wechseln. Von saftigen grünen Wiesen mit Rindvieh-Haltung geht es fast nahtlos über in karge Steinwüsten, nur um direkt danach ein Panoramablick über ein Flusstal zu bieten. Die Straße begeistert uns und ist insgesamt sehr gut befahrbar. Wir machen Pause an einem Fluss und schlafen später an einer ausgetrockneten Lagune umgeben von Guanakos.

Am nächsten Tag erreichen wir Lago Posadas. Die Ruta 41, die zum 70 km weiter südlich gelegenen Nationalpark Perito Moreno führt, ist auf einer unserer drei Straßenkarten als 4×4-Straße gekennzeichnet. Die Alternative zu dieser Straße würde über Wellblechpisten und die Ruta 40 führen und wäre 250 km lang. Die bisherige Fahrt auf der Ruta 41 hatte uns keinerlei Probleme bereitet und unser Strandabenteuer, das auch nur 4×4-Fahrzeugen empfohlen wurde, hatten wir ebenfalls bestens in Erinnerung, weshalb wir uns entschlossen, uns die Straße mal anzusehen.

Die Straße ging von einer Panoramastraße direkt am Lago Posadas ab. Es gab kein Schild, das auf die Notwendigkeit eines Allradantriebs hinwies. Die Route startete mit sehr heftigen und steilen Serpentinen. Die letzte Kehre des Berges kamen wir nach zwei erfolglosen Versuchen erst hoch, indem wir unser frontantriebbetriebenes Auto wendeten und rückwärts hinauffuhren. Oben angekommen freuten wir uns sehr und stießen mit einer kalten Cola auf die Überwindung der Serpentinen an. Die Straße war in einem guten Zustand und wir waren uns sicher, dass wir den schlimmsten Teil bereits überwunden hätten.
Weit gefehlt.

Die letzte Kehre kamen wir nur rückwärts hoch.

Einige Zeit freuten wir uns noch über die weiteren Herausforderungen, die die Straße für uns bereit hielt: Neben harmlosen Dingen, wie dem Öffnen einiger Kuhgatter waren auch Gewässerdurchfahrten und jeder mögliche Untergrund (außer Asphalt) dabei. Wir fuhren Berge hinunter, die so steil waren, dass wir uns freuten dort nicht hochfahren zu müssen. Der „Point of no Return“ war deshalb relativ früh erreicht. Umkehren war keine richtige Option.

Der Reihe nach.
Im Tal hatten wir bei unserer Abfahrt eine Temperatur von 28 Grad und wolkenlosen Himmel. Den Wetterbericht konnten wir schon seit zwei Tagen nicht mehr checken, weil die Netzabdeckung in diesem Hinterland einfach nicht gegeben war. Wir waren froh über die trockenen Erdpisten und freuten uns, dass wir die Berge deshalb gut hoch kamen. Bei durchweichter Straße hätten wir wahrscheinlich schon die letzte Kehre der Serpentinen nicht überwinden können. Nach 10-20 km fing es leicht an zu nieseln, was uns in dem Moment aber noch nicht allzu große Sorgen bereitete. Wir meisterten die Hindernisse und hatten viele Triumph-Momente. Irgendwann kam eine Steigung, die wir wieder nicht vorwärts überwinden konnten. Zum Glück war in der letzten Kurve genügend Platz um zu drehen und rückwärts, mit angepassten Reifendruck und Schwung schafften wir es. Zu diesem Zeitpunkt wurde uns klar, wie gefährlich die nasse Piste wirklich war. Wir hatten uns bei den Versuchen teilweise festgefahren und der Schlamm klebte am, unterm und im Auto.

Moritz fuhr, während ich von draußen probierte ihm einen guten Weg um die Felsstücke, den Schlamm und das Geröll zu weisen und Steine aus dem Weg zu räumen. Ich wunderte mich langsam, dass mir so kalt war – es war doch Sommer und im Tal noch sehr warm gewesen. Ein Blick auf das Autothermometer verriet: Es war auf vier Grad abgekühlt. Neben dem Nieselregen und dem Temperatursturz kam dann auch noch Nebel dazu. Es herrschte Untergangsstimmung.

Deshalb sind wir Transporterleben und nicht Vanlife

Moritz und ich schafften es dabei die meiste Zeit positiv zu bleiben und uns gegenseitig bei Laune und in den konstruktiven Gedanken zu halten. Dann kam der Berg, der uns das Letzte abverlangte. Eine unglaubliche Steigung auf einer von Felsbrocken gespickten Matschpiste, die wir durch unsere Versuche bereits völlig zerwühlt hatten. Hier wurde es richtig Ernst. Wir mussten wieder wenden, diesmal allerdings auf einer Straße die nicht breiter als der Bulli selbst war, mit vielen Zügen und unzähligen „Stop!“-Rufen haben wir das aber geschafft. Beim Fahren war nun das Problem, dass das Heck immer ausbrach und der Bulli nur mit Mühe auf der aufgeweichten Piste zu halten war. Moritz gab also Gas, während ich neben dem Auto herlief und mich gegen ihn stemmte, um ihn in der Spur zu halten. Das klappte erstaunlich gut, so dass wir es nach zwei Stunden Rumprobieren tatsächlich geschafft haben. Wir waren in dieser Situation leider nicht cool genug, um ein Foto unseres Schlam(m)assels zu machen.

Wir hatten nun ungefähr zwei Drittel der Strecke zurückgelegt und waren fix und fertig. Aber auch die letzten Steigungen und Flussdurchfahrten konnten wir meistern, so dass wir nach acht Stunden (für 70 km) unbeschadet im Nationalpark Perito Moreno an. Gott sei Dank!

Die frische Fahrspur, die wir auf unserem Weg immer vor uns sahen konnten wir auf dem Parkplatz vor dem Rangerbüro dann auch einem Fahrzeug zuordnen: neben uns stand ein Toyota Hilux mit Schnorchel, Höherlegung und Unterbodenschutz. Der Fahrer des Autos schien etwas beleidigt zu sein, dass wir mit unserem T5 ebenfalls die Strecke geschafft hatten, die er mit seinem perfekt ausgerüsteten Offroad-Auto befahren hatte.

Wir meldeten uns beim Ranger an und besprachen, an welchem Tag wir welche Wanderung machen wollten. Der Park ist wegen seiner Abgelegenheit eigentlich immer menschenleer. Auf dem riesigen Gelände sind im Schnitt nur 10 Besucher pro Tag. Für eine Nacht buchten wir eine Schutzhütte, die von den Rangern verwaltet wird. Das Thermometer im Bulli zeigte in der ersten Nacht -0,5 Grad an. Neben der Temperatur bestätigte uns auch der starke Wind, das wir uns nun wirklich in Patagonien angekommen waren.

Patagonischer Wind am Lago Burmeister

Unsere erste Wanderung führte uns auf einem Rundweg über eine kleine Insel, die in einem wunderschönen Bergsee, dem Lago Belgrano lag. Die Farbe des Sees bekamen wir überhaupt nicht zu fassen, es war Wahnsinn, wie die Berge sich gegen den blauen Himmel und das türkise Wasser abzeichneten.

Am nächsten Tag legten wir zuerst die Strecke durch das Flusstal des Rio Lacteo bis zu unserer Hütte zurück. Dort ließen wir unsere Schlafsäcke zurück und machten uns auf in Richtung der Laguna de Los Temanos, an die ein Gletscher grenzt. Auf diesem Weg la auch eine Flussdurchquerung, weshalb wir ein zweites Paar Schuhe – natürlich Crocs – dabei hatten. Das Wasser war eiskalt, die Außentemperatur und der Wind trugen ebenfalls nicht zur Wärme bei, uns wurde beim Wandern aber schnell wieder warm. Bei der Lagune angekommen, konnten wir tatsächlich unsere ersten (kleinen) Gletscherstücke sehen.

Die Nacht in der Hütte konnten wir dank des kleinen Holzofens und der Gemütlichkeit gut hinter uns bringen. Am nächsten Tag kehrten wir zum Auto zurück und verließen der Park in Richtung Gobernador Gregores, um dort unsere Vorräte und Tanks aufzufüllen und uns in Richtung des Nationalparks Los Glaciares aufzumachen. Hier möchten wir am Fuße des Fitz Roy wandern und uns den Gletscher Perito Moreno ansehen.

4 Kommentare zu „Über die Ruta 41 in die Wildnis

  1. Für ein solches Abenteuer muss man einfach jung und unverbraucht sein. Nicht nur Eure Eindrücke sondern auch Eure Erfahrungen werden Kapital für Euer weiteres gemeinsames Leben sein. Weiterhin viel Mut und Zuversicht.

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